captainchaos Sysop
Anmeldungsdatum: 21.03.2006 Beiträge: 17
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Verfasst am: 02.05.2006, 21:58 Titel: Char-Erschaffungstipps |
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Dieser Beitrag ist als Hilfe zur Erschaffung gedacht. Er ist keine Anleitung und auch kein Quellenbuch, nur ein Leitfaden.
(Ich bedanke mich bei Stalker)
Tipps zur Charaktererschaffung
Die folgende Sammlung von Ideen und Tipps dient der Charakter-erschaffung für Charaktere des Shadowrun-Universums. Alle basieren auf persönlichen Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Spielertypen und haben konsequenter Weise keinen Anspruch auf absolute Gültigkeit. Sie fassen die Ansprüche zusammen, die ich persönlich an Spielercharaktere stelle, für die ich spielleitere. Für den Fall allerdings, dass auch andere aus diesem Charaktererschaffungs-Guide ihren Nutzen ziehen können, stelle ich ihn einmal online. Mal sehen, wer etwas damit anfangen kann…
1. Klischees & Kopien
Es gibt wohl kaum einen SR-Spielleiter, der ihn noch nicht auf dem Tisch liegen hatte: Den ehemaligen Konzern-Elite-Mann. Jenen Kerl, der laut Hintergrundgeschichte als Waise die Härten der Straße überlebt hat, recht früh allerdings von einem Konzernmann eingesackt wurde, um im Rahmen eines hochgeheimen „Supersoldatenprogramms“ zu einer ultravercyberten, gewissenlosen Tötungsmaschine ausgebildet zu werden, die allerdings irgendwann fliegt oder schlicht „ausrangiert“ wird und dann in die Schatten geht. Wie wär’s mit dem Indianer-Magier, der stets in entnervend altklug-ruhigem Tonfall Lebensweisheiten über Leben, Mensch, Bienchen und Blümchen von sich gibt? Dem pseudoweisen, japano-chinesischen Martial Arts-Ki? Dem ewig nörgelnden Zwergen-Decker? Der eisigen Elfenschönheit?
Manch einer ruht sich leider stark auf dem aus, was er hie und da aufschnappt. Besonders heutige Hollywood-Filme, in denen Charaktere meist ausschließlich aus standardisierten Hülsen bestehen (sorry, chummer, simply my humble opinion), aber auch einschlägige Literatur und selbst Computerspiele sorgen dafür, dass Spieler Charakterklischees in ihre Protagonisten einarbeiten oder ihre Charaktere gar über weite Strecken zu Kopien ohnehin schon platter „Vorbilder“ machen. Das kann spätestens dann zu Problemen führen, wenn die eigenen Mitspieler jene „Vorbilder“ längst kennen und es irgendwann Leid sind, dieselbe langweilige Chose erneut vorgekaut zu bekommen. Entsprechend ablehnende Reaktionen sind vorprogrammiert.
Tipp: Prüfe deinen Charakter noch in seiner Entstehung auf Klischees hin. Versuche soweit als möglich deine eigenen Formulierungen, Charakterzüge und Ereignisse aus seiner Vergangenheit für ihn zu finden, statt auf vorgefertigte Stereotypen auszuweichen und Altbekanntes zu kopieren. Wenn du einmal nicht darum herumkommst, bricht das dem Charakter keineswegs das Genick – achte dann allerdings darauf, auch hier zu variieren, Klischees zu variieren, vielleicht sogar zu durchbrechen.
2. Gimmicks & Effekthascherei
Manch einer fühlt sich verlockt, seinem Charakter ein besonderes Gimmick einzubauen, das kein anderer hat: Quasi eine kleine Extrawurst, die den Char zu etwas „Besonderem“ machen soll. Sei das besondere Tech (spezielle, mächtige oder „freakige“ Cyberware (ggf. in Kombination), Bioware, Waffen, Panzerung, Matrixtware, Fahrzeuge oder sonstiges Spielzeug), Magie (eigens entworfene oder sonst wie besondere Zaubersprüche, Ki-Kräfte, Metamagie, Verbündete, Geister, Foki o.ä.), extrem herausragende Fertigkeiten oder besondere Gaben/Handicaps.
Wenn allerdings das Gimmick die Überhand nimmt, kann es leicht passieren, dass das Ergebnis der Erschaffung ein Gimmick mit Charakter ist, kein Charakter mit Gimmick. Manchmal definieren sich Charaktere gar nur noch über ihre Gimmicks. Charakterliche Besonderheiten und Merkmale treten dann vollkommen in den Hintergrund und werden durch pure Spielerei mit Ausrüstung und Fähigkeiten verdrängt. Dass dabei nicht mehr viel vom Sinn und der Vielseitigkeit eines Rollenspiels übrig bleibt, muss kaum erwähnt werden.
Tipp: Versuche, deinen Charakter nicht darüber zu definieren, was er hat oder kann, sondern darüber, was ihm in seiner Vergangenheit geschehen ist, wie diese Geschehnisse ihn geformt haben und wie weit ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart zu Spielbeginn reichen. Eine vielseitige Persönlichkeit lässt sich weder durch extravagante Spielzeuge, noch durch besondere Fähigkeiten schaffen und darstellen – und erst recht nicht durch Zahlenwerte. Wenn du unbedingt besondere Gimmicks einbauen willst, nutze sie spärlich (das ist das Gegenteil von „aufdringlich“, Chummer .
3. Krampfhafte Kunst-„Kuhlness“
Sonnenbrille und dicke Wummen. Testosteron bis unter die Ohrläppchen. Laut. Frech. Schlagfertig. Und härter als ein frisch gepresster Barren Plasstahl. Viele Chars werden darauf ausgelegt, „cool“ zu sein. Wieso erreichen die wenigsten ihr Ziel?
Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, das besagt, dass auf „Coolness“ ausgelegte Charaktere mit ihrem Gehabe oft das Gegenteil des Angestrebten erreichen: Sie werden ausgelacht, durch den Kakao gezogen oder gehen Mitspielern und Spielleiter einfach nur unheimlich auf die Nerven. Und mal ehrlich: Ein Vin Diesel oder Rambo auf den Straßen der 6. Welt muss geradezu Gelächter hervorrufen, wenn er krampfhaft versucht, coole Machosprüche herauszupressen wie einen widerspenstigen Stuhlgang. Oder?
Tipp: Vermeide es, deinen Charakter krampfhaft „cool“ erscheinen zu lassen – damit erreicht er oft nur Lacher oder Augenrollen, vielleicht auch Verärgerung. Statt dessen sind es ausgerechnet jene Charaktere, die gar nicht auf die sprichwörtliche „Coolness“ ausgelegt sind, und die dennoch „einfach Stil haben“ – und das, weil sie sie selbst sind, wieder erkennbare Originale. Wenn du deinen Charakter als „stark“ darstellen möchtest, lass’ ihn einfach „er selbst sein“. Denn dazu gehört ingame wie auch im wahren Leben mehr innere Kraft, als zum improvisieren pseudo-harter „fass’ mich nicht an“-Sprüche oder -Gesten.
4. Lasset uns (Meta-)Menschen machen!
Shadowrun unterscheidet sich meiner Ansicht (und Auslegung) nach nicht nur in Spielwelt und Regelsystem sehr stark von einschlägigen Rollenspielen à la (A)D&D und Co., sondern auch in seiner Interpretation der Rolle der Spielercharaktere. Shadowrunner sind zwar das Zentrum der Handlung, aber keine Helden. Sie sind keine puren Arbeitstiere und erst recht keine Maschinen (…okay, falscher Ausdruck, manche schon… äußerlich. Aber du weißt schon, was ich meine =). Die wenigsten sind zum Vergnügen in den Schatten; für den Großteil ist Shadowrunning Broterwerb und damit überlebensnotwendig – aber nicht ihr Leben. Shadowrunner sind vor allem eines: (Meta-) Menschen. Und damit gehen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ziele einher, die befriedigt werden wollen. Die meisten Menschen bedürfen nicht nur der Nahrung und Schlaf, sondern auch sozialer Kontakte, Zuneigung & Sexualität, Unterhaltung, Ablenkung und Erholung, kreativer Betätigung oder schlicht hedonistischen Zurücklehnens über einem saftigen Steak oder einem Glas teuren Weins.
Tipp: Verliere weder bei der Charaktererschaffung, noch im Spiel selbst aus den Augen, dass dein Charakter ein (Meta-)Mensch ist, und dass Menschen nicht nur (unter lebensgefährlichen Bedingungen) arbeiten, sondern auch ihr Leben gestalten wollen. Was tut dein Charakter in seiner Freizeit? Welche Beziehungen pflegt er zu seiner Umwelt, seinen Bekannten und Menschen, die er liebt? Welche Ziele hat er für die Zukunft? [Eine Hilfe hierfür kann dir der von mir entworfene Lifestyle-Fragebogen sein , zu finden unter
http://home.arcor.de/hildesheimer-schatten/Do_Lifestyle-Fragen.doc]
Gerade durch die menschliche Dimension der Charaktere kann das Rollenspiel sehr viel gewinnen und eventuell sogar Erfahrungen bergen, die über den Ingame-Bereich hinausgehen.
5. Na logisch!
Man kennt es nur zu gut: Man hat ein paar zündende Ideen, die man unbedingt in den Charakter einflechten möchte und es fehlt nur noch der Weg dahin. Nur noch die Hintergrundgeschichte.
Wenn da nur das Wörtchen „nur“ nicht wär’. Denn erfahrungsgemäß unterschätzen Spieler diesen wichtigen Zwischenschritt zwischen erstem Konzept und fertigem Charakter. Manche fixieren sich so sehr (zu sehr) darauf, was der Charakter hier und da für Eigenschaften haben soll, nicht darauf, wie er sie überhaupt sinnvoll erhalten haben könnte. Statt dessen wird oftmals schlicht zur billigsten Lösung gegriffen, um möglichst schnell mit dem Spiel zu beginnen. Sobald die Hintergrundgeschichte des Charakters jedoch im Spiel einmal auftaucht und durchleuchtet wird, tun sich Lücken auf, durch die eine Kompanie Leopard-Panzer fahren könnte – Logiklücken, die nicht so ganz in die 6. Welt passen wollen.
Um das Beispiel des „von der Straße stammenden ex-Elite-Konzernmanns“ aufzugreifen:
Warum sollte sich ein Konzern für ein (ohnehin schon klischeeverseuchtes) „Supersoldatenprojekt“ ein Straßenbald greifen, dessen Organismus wahrscheinlich schon durch Drogenkonsum, Krankheit oder „minderwertiges Erbgut“ beeinträchtigt ist?
Warum sollte der Konzern ausgerechnet dieses Straßenkind gegriffen haben? (Hier kann man sicher auf Zufall plädieren; da Konzerne geradezu Pächter der Rationalität sind, gäbe es jedoch sicher eine schönere Antwort)
Warum sollte ein Konzern eine teure Ausbildung an ein Straßenkind verschwenden, wenn er genauso gut einen bereits gut ausgebildeten und kampferprobten Erwachsenen in das Projekt aufnehmen könnte?
Warum sollte eine pur profitorentierte Macht wie ein Konzern jemanden (in die Schatten) laufen lassen, in den sie derart viel Geld verpulvert hat?
Warum sollte ein Konzern überhaupt ein „Supersoldaten“-Projekt betreiben? Das Konzept des Projektes ist schlichtweg unsinnig und rentiert sich nicht: Wozu einen teuren „Supersoldaten“ zusammenschustern, wenn man ihn genauso durch 5 oder mehr Gardisten ersetzen könnte, die zwar weniger gut ausgebildet und ausgerüstet sind, aber dieselbe Kampfkraft auf die Waage bringen und noch dazu weitaus billiger sind?
Tipp: Nimm’ dir unbedingt die Zeit, deine Hintergrundgeschichte zu durchdenken. Vermeide es, billige Lösungen, wacklige Begründungen oder den sprichwörtlichen „Zufall“ zu verwenden, sondern erschaffe eine interessante Hintergrundgeschichte, die in die logischen Rahmenbedingungen der sechsten Welt passt. Nichts geschieht „einfach so“: Jede Partei hat ihre eigenen Ziele und Motivationen, nach denen du sie handeln lassen kannst. Hinterfrage jeden einzelnen deiner Schritte und jedes einzelne Geschehnis kritisch, und gib’ dich erst zufrieden, wenn die letzte logische Lücke geschlossen wurde. Möglich ist alles – alles, was du überzeugend rechtfertigen kannst.
© Stalker 2005
Kontakt: childofbodom1@gmx.de
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